Gesundheit - was ist das eigentlich?

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Gesundheit - was ist das eigentlich?

Antje Schmidt & Dr. Michael Schmidt

Wir alle wünschen sie uns zum Jahreswechsel, zu Geburtstagen und zu vielen anderen Anlässen - doch was bedeutet eigentlich „Gesundheit“

 Die althergebrachte Formel „Gesundheit ist die Abwesenheit von Krankheit“ ist zu einfach. Es gibt zahllose Beispiele für Menschen, die z.B. trotz körperlicher Einschränkungen oder trotz offensichtlich nicht „gesunder“ Organfunktionen ein selbstbestimmtes glückliches Leben führen und sich gegen die Einstufung als „krank“ wehren würden. Andererseits sehen wir an vielen vor allem prominenten Beispielen, dass trotz körperlicher Unversehrtheit und trotz materiellen Reichtums von wirklicher „Gesundheit“ nicht die Rede sein kann. Wir können nur rätseln, was Menschen, die augenscheinlich alles haben, die attraktiv, berühmt und von außen betrachtet gesund sind in die Flucht zu Drogen, Alkohol oder Suizid treibt.

 Gesundheitsbegriff laut Weltgesundheitsorganisation (WHO)

Fortschrittlicher ist dann schon, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO Gesundheit „als einen Zustand vollkommenen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht bloß als das Fehlen von Krankheit und Gebrechen“ beschreibt. Diese Definition ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, jedoch geht die WHO von einem zu idealisierten Zustand aus. Denn wer kann schon von sich behaupten, in einem Zustand vollkommenen Wohlbefindens zu sein? Das gelingt doch nur wenigen und wenn dann nur für kurze Momente.

 Es gibt keinen idealisierten perfekten Gesundheitszustand

Die aktuelle Gesundheitsforschung geht von einem realistischeren Begriff aus. Danach bezeichnen Gesundheitsforscher denjenigen als „gesund“, der sich in Bezug auf sein körperliches, geistig-seelisches und soziales Befinden wohl fühlt und seinen Lebensaufgaben gerecht werden kann. Wichtig ist dabei die Betonung auf dem ganzheitlichen Aspekt, also die Einbeziehung der Psyche und des sozialen Umfelds und zusätzlich die persönliche Einschätzung. Ob wir „gesund“ sind oder nicht, hängt also auch von unserer eigenen Sichtweise und unserer sogenannten Resilienz ab. Resilienz meint die individuelle Widerstandsfähigkeit gegen innere und äußere Störungen. Haben wir ausreichend Kapazitäten, um Störungen auf körperlicher, seelischer und sozialer Ebene zu kompensieren? Dann können wir uns gesund und wohl fühlen, trotz aller Spannungen, Einschläge und Narben, die das Leben so mit sich bringt. Das Leben läuft eben nicht glatt und wir haben alle unsere kleinen oder großen Beeinträchtigungen. Und genau daran können wir wachsen. Oder wie Leonhard Cohen so wunderschön singt:

„Es ist ein Riss in allem – der lässt das Licht einfallen“ Leonhard Cohen

 Wenn die Balance kippt

Oft sind es dann zuallererst körperliche Symptome an den jeweiligen individuellen Schwachstellen, die als erstes sichtbar werden. Die persönlichen Schwachstellen zu kennen und sie als Warnsignale zu deuten ist eine ganz wesentliche Voraussetzung, um rechtzeitig gegenzusteuern. Bei manchen Menschen sind es vermehrt auftretende Infektionskrankheiten, bei anderen Rücken- und Gelenkprobleme, Magen-Darm-Störungen oder nervöse Beschwerden. Besser ist es natürlich, es erst gar nicht so weit kommen zu lassen. Die Bedeutung der körperlichen Prophylaxe, also z.B. internistische Vorsorgeuntersuchungen oder auch der Hinweis auf Bewegung und Ernährung etc. wird in der Öffentlichkeitsarbeit der Krankenkassen sehr betont und sie ist auch wichtig. Weniger Beachtung findet (noch) der ganzheitliche Aspekt. Es geht darum, auf der einen Seite die Anzahl der Störungen zu reduzieren und andererseits unsere Resilienz zu stärken.

 Doch wie machen wir das?

Aus Platzgründen können wir hier nur auf Grundsätzliches hinweisen:

  1. Identifizierung von „Energieräubern“. Das können Menschen sein, ein Beruf, der nicht guttut oder nicht passende Verpflichtungen. Derartige Störquellen sind wie chronische Entzündungen und rauben sehr viel Kraft. Sie zu verhindern geht natürlich nicht zu hundert Prozent. Es ist selbstverständlich, sich um kranke oder schwache Mitmenschen zu kümmern, auch anstrengende Projekte und kraftzehrende Störquellen lassen sich nicht immer fernhalten. Wichtig ist, sie sich bewusst zu machen und ihnen ins Gesicht zu schauen. Verdrängung ist garantiert keine Lösung.
  2. Das völlige Weglassen von Störfaktoren, von „ungesunder“ Lebensweise, von Stress etc. ist nicht realistisch. Es geht eher um das Maß aller Dinge. Es kann positive oder aber negative Auswirkungen haben, sich mit Freunden zu einem Espresso an der Bar zu treffen oder auch gemeinsam eine Zigarettenpause einzulegen. Reagiert der Körper oder die Seele mit Unwohlsein oder mit nervöser Unruhe, dann kann ja auch ein entkoffeinierter Espresso schmecken oder aber die Anzahl der Zigaretten reduziert werden. Es geht nicht um Alles-oder-Nichts. Es geht um das Maß. Und darum, genügend Kompensationskraft zu haben, um die kleinen „Sünden“ auch wirklich genießen zu können. Das Schlechteste ist es, beim Rauchen oder bei anderen „ungesunden“ Leidenschaften ein schlechtes Gewissen zu haben. Das ist bewiesenermaßen nicht gut für unser Immunsystem und macht krank. 
  3. Um Resilienz aufbauen zu können, um die inneren Akkus wieder aufzuladen, ist es wichtig, persönliche Energiequellen zu finden. Insbesondere in Umbruchphasen des Lebens, Auszug der Kinder, Eintritt ins Rentenalter, Trennung oder Verlust von Partnern und Freunden etc. tritt die Sinnfrage und auch die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des Lebens in den Vordergrund. Deshalb ist es wichtig, neue Lebensphasen mit neuem Sinn zu füllen. Ältere wieder aktivierte Hobbies und Leidenschaften, neue soziale Kontakte und z.B. ehrenamtliche Tätigkeiten können viel Kraft spenden.
  4. Unerlässlich für ein gelingendes Leben ist es, Verantwortung für das eigene Leben und für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Ärzte, Psychologen und Therapeuten helfen eventuell bei der Beseitigung von einigen körperlichen, psychischen und auch sozialen Störfaktoren. Es sind aber die eigene Lebensweise, die eigene Einstellung, das persönliche Umfeld und die eigenen Entscheidungen: Letztendlich ist es die eigene Person, auf die es ankommt.

 Gesundheit und Krankheit haben nach neueren Erkenntnissen meist viele miteinander vernetzte Komponenten. Ernährung, Stress und andere psychische Faktoren, die gesamte körperliche Situation und Lebensführung sowie das soziale Umfeld spielen wichtige Rollen. Und ob sie wirklich ausbrechen und wie der einzelne Mensch damit umgeht, hängt auch von der Widerstandskraft und der persönlichen Energiesituation ab. Somit ist die alleinige klassische Symptombehandlung nicht ausreichend. Die personalisierte ganzheitliche Therapie berücksichtigt möglichst viele der genannten Faktoren. Anschauliche Beispiele finden wir vor allem in der Dermatologie, gut sichtbar am Hautzustand. So sind zum Beispiel Ekzeme und andere Hautirritationen unter anderem der Ausdruck einer psychischen Notlage ("Ich möchte aus meiner Haut fahren") und allein schon deshalb nur unter Berücksichtigung ganzheitlicher Gesichtspunkte erfolgreich zu behandeln. Dasselbe gilt für viele andere Hautkrankheiten, die lediglich äußerlich sichtbare Symptome einer Balancestörung des ganzen Menschen sind.